Investment | 10. Februar 2020

BLICKWINKEL 2020 – Kapitel 3: AKTIEN

Holger Knaup & Michael Wittek

GLOBALE GELD- UND FISKALPOLITIK BLEIBEN DIE LANGFRISTIGEN TREIBER

Im Wesentlichen gibt es für die Aktienmärkte zwei positive Szenarien. Erstens könnten Deutschland und andere Nationen ihre Volkswirtschaften durch staatliche Ausgabenprogramme unterstützen. Bedarf gibt es zum Beispiel bei der Infrastruktur zur Genüge. Zweitens könnten sich die politischen Unsicherheiten zurückbilden. Konkret bedeutet das, die USA und China einigen sich auf ein langfristig tragfähiges Handelsabkommen. Dasselbe gilt für die Vereinigten Staaten und die EU nach einem geordneten Brexit.

In diesen Fällen könnten die Aktienmärkte mit weiterer Unterstützung rechnen. Denn die Geldpolitik der großen Notenbanken dürfte vorerst locker bleiben. Und noch etwas spricht für eine Fortsetzung der Rally. Diese ist unbeliebt wie schon lange nicht mehr. Von Euphorie kann keine Rede sein. Vielmehr sind zahlreiche Anleger bei Aktien unterinvestiert und warten auf eine Korrektur. Speziell in Europa litten Fonds 2019 sogar unter milliardenschweren Mittelabflüssen. Das sind durchaus gute Nachrichten. Denn erfahrungsgemäß enden Bullenmärkte, wenn die Euphorie so groß ist, dass es keine positiven Überraschungen mehr geben kann. Davon sind wir weit entfernt.

Interessant ist die Frage, ob es 2020 zu einer Branchenrotation kommt. Sollte die Konjunktur besser als erwartet laufen, dürften zyklische Titel zu den Gewinnern zählen, nachdem sie 2019 und 2018 hinter den defensiven Werten zurückgeblieben sind. Dadurch hat sich ein spürbarer Aufholbedarf aufgebaut. Allerdings braucht es für eine Neubewertung in der Regel einen Auslöser. Dieser könnte darin bestehen, dass die Marktteilnehmer die Abschwächung des Wirtschaftswachstums bereits eingepreist haben und irgendwann ein Licht am Ende des Tunnels sehen. Frei nach dem Motto: Hinterm Horizont geht’s weiter. Der Ifo-Index ist im November 2019 zumindest schon einmal leicht gestiegen.

Dennoch liefert der Blick in die Kristallkugel mal wieder keine eindeutige Aktienprognose für 2020. Trotzdem gibt es einige Punkte, die als recht wahrscheinlich gelten. So ist zu erwarten, dass die Notenbanken an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten. Für die EZB unter ihrer neuen Chefin Lagarde gilt das sowieso. Und bei der Fed ist nach drei Zinssenkungen in diesem Jahr keine erneute Kehrtwende zu erwarten. Damit wird die Tiefzinsphase weiter anhalten.

Dennoch ist mit einer etwas höheren Inflation zu rechnen, was für eine noch niedrigere Realverzinsung sorgt. Angesichts dieses Szenarios sollten Aktien relativ betrachtet auch 2020 höhere Erträge liefern als Anleihen.

Aktuell beschäftigt sich die Börse sehr stark mit dem in China ausgebrochenen Coronavirus. Bislang kann nicht abgeschätzt werden, wie stark sich der Virus noch ausbreiten wird. Auch deshalb können die wirtschaftlichen Folgen nicht abgeschätzt werden. Oft wird versucht, das 2003 aufgetretene SARS-Virus für das Coronaviurs als Indikation zu nutzen. Nach 10 Tagen hatte der Wuhan-Coronavirus 7818 Ansteckungen, SARS hatte lediglich 1323 Ansteckungen. Die Sterblichkeit war hingegen mit etwa 2,1% nur etwa ein Viertel so hoch wie bei SARS. Wir sind heute besser gerüstet für die Epidemiebekämpfung als 2003, sind aber auch volkswirtschaftlich enger verzahnt. Ein verlangsamtes Wirtschaftswachstum in China wird sich daher zwangsläufig stärker auf die restliche Welt auswirken. Wie hoch diese Einbuße sein wird, ist unsicher – ein Faktor, mit dem die Börse nicht gut umgehen kann. Somit wäre es nicht überraschend, wenn die Aktienmärkte die nächsten Wochen stärker schwanken würden.

DEUTSCHE AKTIEN

Deutsche Unternehmen gehören aufgrund ihrer oft sehr konjunktursensiblen Ausrichtung zu den Gewinnern einer weltwirtschaftlichen Erholung. Diese Entwicklung wurde im späteren Verlauf von 2019 an den Finanzmärkten bereits teilweise antizipiert, könnte sich aber 2020 noch weiter fortsetzen. Zugleich muss aber stärker als bisher auf eine gezielte Sektorenauswahl geachtet werden, insbesondere mit Blick auf erneute konjunkturelle Risiken im weiteren Jahresverlauf.

EUROPÄISCHE AKTIEN

Die mutmaßliche Erholung des Welthandels beseitigt 2020 eine wichtige Ursache für die bisherige Underperformance europäischer Titel. Ein geordnet ablaufender Brexit würde in die gleiche Richtung wirken. Europäische Aktien erscheinen deshalb 2020 strategisch attraktiv und haben Potenzial für eine im Vergleich zum Weltindex bessere Performance, auch aufgrund günstiger Bewertungen. Dies gilt insbesondere mit Blick auf exportorientierte Werte und Länder. Da der Brexit deutliche Bremsspuren in der britischen Wirtschaft hinterlassen wird, dürften speziell britische Aktien mit Fokus auf die Binnenwirtschaft eher schwach tendieren. Unterstützung kommt allerdings von der britischen Notenbank (BoE), die das britische Finanzsystem weiterhin massiv stützt. Zudem dürften 2020 auch britische Aktien von einer global verbesserten Konjunktur profitieren. Generell wird die Entwicklung britischer Aktien mehr von globalen Faktoren bestimmt, da zahlreiche Sektoren weltweit aufgestellte Unternehmen repräsentieren.

US-AKTIEN

Das anhaltend robuste Wachstum und die zunehmend expansive Ausrichtung der Geldpolitik haben 2019 US-Aktien spürbar unterstützt. Im weltweiten Vergleich haben sie schon über längere Zeit eine bessere Wertentwicklung gezeigt. Im Laufe des Jahres 2020 sehen wir jedoch eine Mischung aus zyklischen und strukturellen Faktoren ins Spiel kommen. Insbesondere dürften Schlagzeilen rund um die US-Präsidentschaftswahlen und potenziell dramatische Veränderungen in der amerikanischen Wirtschaftspolitik zu Volatilitätsschüben führen, die US-Aktien im internationalen Vergleich benachteiligen könnten.

Shiller KGV S&P 500

Quelle: eigene Darstellung, MarketMap

CHINESISCHE AKTIEN

Die temporäre Beruhigung im Konflikt mit den USA und die punktuelle Stützung der Konjunktur durch Peking könnten angesichts günstiger Bewertungen eine gute Einstiegsmöglichkeit für chinesische Aktien bieten. Strategisch sind Unternehmen aus der Volksrepublik speziell in den Bereichen Technologie, E-Commerce und Künstliche Intelligenz (K.I.) attraktiv.

ERWARTE DAS UNERWARTETE:

Seit der Jahrtausendwende erlebten die Aktienmärkte bereits drei Crashs. Erst platzte die Internetblase, dann folgten die Pleite von Lehman Brothers und die Immobilienkrise in den USA, die gewissermaßen von der griechischen Staatsschuldenkrise abgelöst wurde. Macht statistisch betrachtet einen Crash alle sechs bis sieben Jahre. So gesehen wäre der nächste 2020 an der Reihe – zum Beispiel ausgelöst durch einen eskalierenden Handelskrieg der USA mit dem Rest der Welt.

 

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